Ein europäischer Halbleiterhersteller im geopolitischen Sturm
Die Auseinandersetzung um den niederländisch-chinesischen Chiphersteller Nexperia hat sich von einem wirtschaftlichen Vorgang zu einem geopolitischen Lehrstück entwickelt.
Gerichtsdokumente aus den Niederlanden und Berichte internationaler Medien belegen, dass die USA massiven politischen Druck auf die niederländische Regierung ausgeübt haben, um den chinesischen CEO Zhang Xuezheng absetzen zu lassen.
Was offiziell mit Sicherheitsinteressen begründet wurde, zeigt sich in der Tiefe als ein Schritt, der Europas wirtschaftliche Eigenständigkeit weiter schwächt.
US-Druck auf Den Haag – „Der CEO muss gehen“
Im Juni 2025, so geht aus den niederländischen Gerichtsunterlagen hervor, machten Vertreter des US-Handelsministeriums gegenüber Den Haag klar:
Solange Nexperia unter chinesischer Leitung bleibe, drohe eine Aufnahme auf die US-„Entity List“ – mit schwerwiegenden Folgen für alle internationalen Lieferbeziehungen.
„The fact that the company’s CEO is still the same Chinese owner is problematic … It is almost certain the CEO will have to be replaced,“
heißt es in einem zitierten Schreiben der US-Behörden.
Nur Wochen später wurde der CEO abgesetzt, das Unternehmen teilweise unter staatliche Aufsicht gestellt.
Offiziell handelte die niederländische Regierung aus Eigeninitiative – doch der zeitliche Zusammenhang lässt den Einfluss Washingtons kaum leugnen.
Europa zwischen Abhängigkeit und Selbstbehauptung
Diese Entwicklung verdeutlicht ein größeres Muster:
Die USA drängen chinesische Einflussstrukturen aus westlichen Industrien, aber ohne dass Europa über gleichwertige Alternativen verfügt.
Dadurch entsteht eine neue geopolitische Abhängigkeit – diesmal nicht von China, sondern von amerikanischen Technologien, Lizenzen und Marktstrukturen.
Das Ergebnis: Europas Industriepolitik wird reaktiv, nicht strategisch.
Statt eine unabhängige Halbleiterstrategie zu verfolgen, reagiert Europa auf Druck von außen – und verliert damit zunehmend die Kontrolle über seine technologische Zukunft.
Ein gezielter Schlag gegen Europas industrielle Basis
Die Folgen dieses Eingriffs treffen nicht zufällig:
Nexperia ist ein zentraler Zulieferer für Europas wichtigste Wirtschaftszweige – Automotive, Maschinenbau, Luftfahrt und Medizintechnik.
Wenn ausgerechnet diese Lieferketten destabilisiert werden, betrifft das das Herz der europäischen Industrie: Deutschlands und Europas größtes Wertschöpfungsnetzwerk.
Damit wird nicht nur der chinesische Einfluss begrenzt – sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit Europas geschwächt.
Denn ohne stabile Halbleiterversorgung geraten Fahrzeughersteller, Anlagenbauer und Hightech-Produzenten in Abhängigkeit von US-amerikanischen oder asiatischen Alternativquellen.
Das ist geopolitisch kein Zufall, sondern strategisch kalkuliert.
Innere Spannungen bei Nexperia
Nach Informationen aus Unternehmenskreisen wirkt sich die politische Krise auch intern aus:
Mehrere russischstämmige Mitarbeiter seien unter Generalverdacht geraten, potenzielle Sicherheitsrisiken zu sein.
In einzelnen Fällen kam es laut internen Berichten zu Kündigungen, offenbar ohne konkrete Vorwürfe – allein aufgrund der Staatsangehörigkeit.
Ein solcher Umgang wirft Fragen nach Diskriminierung auf.
Er verdeutlicht, wie stark geopolitische Spannungen und Propaganda gegen die russische Bevölkerung mittlerweile in den Alltag multinationaler Unternehmen einsickern – bis hinein in Personalentscheidungen.
Fazit
Die Causa Nexperia ist kein Einzelfall, sondern ein Symptom einer neuen Ära wirtschaftlicher Machtpolitik.
Die USA setzen ihren Einfluss gezielt ein, um technologische Abhängigkeiten zu steuern.
Quellen & weiterführende Berichte
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Reuters: “U.S. pressured Netherlands over Nexperia CEO” (Okt 2025)
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South China Morning Post: “U.S. warned Dutch months ago Nexperia CEO must go”
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Wall Street Journal: “How U.S. pressured Netherlands to oust CEO of Chinese-owned chipmaker”
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NL Times / Guardian / AP: Berichterstattung zur Zwangsverwaltung Nexperias (2025)