Wenn Sprache spaltet statt verbindet

Ein Satz, der Wellen schlägt

Mit seiner Aussage über ein „Problem im Stadtbild“ hat Bundeskanzler Friedrich Merz eine der größten politischen Kontroversen des Jahres ausgelöst.
Ein kurzer Satz – aber einer mit Sprengkraft. Denn er stellt Fragen nach Zugehörigkeit, Sichtbarkeit und sozialer Gerechtigkeit – und zeigt einmal mehr, wie gefährlich politische Sprache sein kann, wenn sie pauschalisiert.

Was Merz wirklich sagte

Bei einem Termin in Brandenburg erklärte Merz Mitte Oktober 2025:

„… aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem, und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen.“

Der Satz fiel im Kontext einer Diskussion über Migration, Integration und Abschiebungen.
Doch das Wort „Stadtbild“ traf einen Nerv: Es klang nicht nach sachlicher Analyse, sondern nach Abgrenzung – als seien bestimmte Menschen ein optisches oder soziales Problem.

„Stadtbild“ – ein Wort mit Sprengkraft

Der Begriff „Stadtbild“ ist kein neutrales Wort. Er beschreibt, wie eine Stadt aussieht – wer in ihr sichtbar ist.
Wenn er im gleichen Atemzug mit „Problemen“ genannt wird, entsteht eine gefährliche Assoziation:
Menschen, die anders aussehen, sich anders kleiden oder einen anderen Hintergrund haben, werden unbewusst als Störung wahrgenommen.

Soziolog:innen und Sprachwissenschaftler:innen sehen darin eine gezielte rhetorische Verschiebung:
Nicht Fakten oder Taten stehen im Vordergrund, sondern Erscheinung und Wahrnehmung.
Das ist problematisch – weil es gesellschaftliche Spaltungen vertieft und Vorurteile legitimiert.

Sprache darf nicht zur Waffe werden

Es darf keine pauschale Zuschreibung von Kriminalität oder Gewalt aufgrund der Herkunft geben.
Genau das aber schwingt in Merz’ Aussage mit – und das ist gefährlich.

Statistisch ist längst belegt:
Nicht die Herkunft bestimmt das Risiko von Gewalt oder Kriminalität, sondern soziale Faktoren – etwa:

Diese Bedingungen treffen unabhängig von Nationalität oder Religion zu.
Doch durch jahrelange Versäumnisse in der Integrationspolitik hat Deutschland genau diese Risikofaktoren selbst mit geschaffen: fehlende Bildungsangebote, eingeschränkter Zugang zu Arbeit, soziale Isolation.

Anstatt diese Probleme systematisch anzugehen, nutzt Merz sie rhetorisch, um politisch zu punkten.
Das spaltet die Gesellschaft – anstatt sie zu einen.

Fazit: Verantwortung beginnt bei der Sprache

Die „Stadtbild“-Aussage von Friedrich Merz ist mehr als nur ein unglücklicher Satz.
Sie zeigt, wie politische Sprache benutzt werden kann, um Ängste zu wecken, statt Lösungen zu bieten.
In einer Demokratie ist das gefährlich.

Wer regiert, trägt Verantwortung – auch für Worte.
Eine moderne Integrationspolitik muss Perspektiven schaffen, Bildung fördern und Teilhabe ermöglichen.
Was sie nicht darf: Menschen zu Problemen erklären.

Schlussgedanke

Sprache formt Realität.
Und wenn politische Sprache ausgrenzt, statt einzubinden, dann ist das kein rhetorischer Fehler – sondern ein gesellschaftliches Risiko.
Wer Sicherheit will, sollte zuerst an Zusammenhalt arbeiten.

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