Über die hohen Eigenanteile im Pflegeheim wird regelmäßig diskutiert. Weit weniger Aufmerksamkeit erhält dagegen die Situation von Menschen mit Pflegegrad 1. Dabei betrifft sie Hunderttausende: Menschen mit chronischen Erkrankungen, eingeschränkter Selbstständigkeit oder einem erhöhten Unterstützungsbedarf im Alltag.
Eine alleinerziehende Mutter berichtet unter Pseudonym. Ihren Namen möchte sie zum Schutz ihrer Familie nicht veröffentlichen. Sie lebt mit ihren Kindern im Bürgergeldbezug und sagt: „Ich bin nicht arm – ich werde arm gemacht.“ Für sie ist der Pflegegrad ihres Kindes keine abstrakte Einstufung, sondern ein täglicher Organisationskampf.
Nach den Plänen zur Reform der Pflegeversicherung soll der monatliche Entlastungsbetrag von derzeit 131 Euro wegfallen. An seine Stelle sollen neue Beratungs- und Präventionsangebote treten. Für viele Betroffene klingt das nach einer Verschiebung von konkreter Hilfe hin zu zusätzlichen Hinweisen – obwohl die bestehenden Beratungsstellen längst bekannt sind.
Der Entlastungsbetrag finanziert keine großen Extras. Er ermöglicht kleine, aber entscheidende Hilfen: Unterstützung im Haushalt, Begleitung zu Arztterminen, Hilfe beim Einkaufen oder eine Betreuung, wenn pflegende Angehörige einmal beide Hände frei brauchen. Wer schon einmal eine Haushaltshilfe oder einen Babysitter bezahlt hat, weiß, wie schnell 131 Euro im Monat aufgebraucht sind.
Für die Mutter ist diese Hilfe seit einiger Zeit Marc. Er war Praktikant in der Krabbelgruppe ihres jüngeren Kindes. Als sie ihn fragte, ob er die Familie im Alltag unterstützen könne, sagte er zu und absolvierte anschließend eine Qualifizierung für Pflege- und Entlastungsleistungen. Die Pflegekasse erkannte das Zertifikat an und rechnet seine Einsätze direkt ab.
Marc begleitet den älteren Sohn zu Therapien, macht Sport mit ihm und hilft am Nachmittag im Haushalt. Zugleich kann er sich um das jüngere Kind kümmern, wenn die Mutter ihren Sohn beispielsweise beim Inhalieren unterstützen muss. Für Außenstehende mögen solche Aufgaben klein wirken. Im Alltag einer alleinerziehenden Mutter entscheiden sie jedoch darüber, ob ein Termin gelingt, ob ein Arztbesuch möglich ist oder ob die Familie das Haus überhaupt verlassen kann.
Genau diese Form der Unterstützung steht nun auf dem Spiel. Rund 863.000 Menschen hatten zuletzt Pflegegrad 1. Das entspricht etwa 15 Prozent aller Leistungsberechtigten der Pflegeversicherung. Sie erhalten den Entlastungsbetrag, weil sie im Alltag auf Hilfe angewiesen sind – nicht, weil sie einfach nur beraten werden möchten.
Schon die Bezeichnung „Entlastungsbetrag“ ist missverständlich. Sie kann den Eindruck erwecken, pflegebedürftige Menschen seien selbst eine Belastung. Die Belastung entsteht jedoch vor allem durch fehlende Unterstützung, komplizierte Wege und einen Alltag, der ohne Hilfe kaum zu bewältigen ist. Für viele ermöglicht der Betrag ein Stück Selbstbestimmung: einen Spaziergang, einen Arzttermin, einen Einkauf oder schlicht ein paar Stunden, in denen nicht alles gleichzeitig organisiert werden muss.
Der Reformansatz setzt dagegen auf zusätzliche Beratung. Geplant ist, in jedem Landkreis und jeder kreisfreien Stadt eine Ansprechperson einzurichten. Diese soll über Präventionsangebote informieren und dazu beitragen, dass Menschen möglichst nicht in einen höheren Pflegegrad eingestuft werden.
Doch für Angehörige wie die Mutter stellt sich die Frage, welchen praktischen Nutzen das haben soll. Sie kennt die Erkrankung ihres Kindes, die notwendigen Therapien und die vorhandenen Hilfsangebote. Sie ist in medizinische und therapeutische Netzwerke eingebunden. Was ihr fehlt, ist keine weitere Informationsstelle, sondern Zeit, Unterstützung und jemand, der konkret mit anpackt.
Pflegestützpunkte, Pflegeberatungen und Beratungsangebote der Krankenkassen existieren bereits. Zusätzliche Doppelstrukturen kosten Geld, das aus Sicht vieler Betroffener besser unmittelbar bei ihnen ankommen sollte. Statt Unterstützung beim Einkauf könnte künftig ein Hinweis auf einen Präventionskurs stehen. Statt einer Begleitung zum Arzt vielleicht der Verweis auf eine App. Statt eines Menschen, der mit einem demenzkranken Angehörigen spazieren geht, gäbe es Informationen über Gesundheitsangebote.
Auch das geplante digitale „Pflegecockpit“ soll über Leistungen und Angebote informieren. Information ist wichtig, keine Frage. Aber sie ersetzt keine Entlastung im Alltag. Digitale Übersichten, Beratungsstellen und Informationsangebote gibt es bereits. Eine neue Plattform hilft wenig, wenn die entscheidende Unterstützung vor Ort wegfällt.
Für die alleinerziehende Mutter hätte das unmittelbare Folgen. Ohne Marc müsste das jüngere Kind zu Therapien und Terminen immer mitkommen. Schwimmengehen mit dem älteren Sohn, ein Arztbesuch oder ein ruhiger Nachmittag würden noch schwieriger als ohnehin schon. Was für andere Familien selbstverständlich ist, wird zur kaum lösbaren Aufgabe.
Die Diskussion über Pflege sollte deshalb nicht nur um Heimplätze und hohe Kosten kreisen. Auch Pflegegrad 1 bedeutet für Betroffene und Angehörige einen erheblichen Mehraufwand. Wer diese Menschen unterstützen will, sollte ihnen nicht vor allem erklären, was sie tun könnten. Er sollte dafür sorgen, dass sie die Hilfe bekommen, die sie tatsächlich brauchen.